BEM: Prävention und Inklusion im Arbeitsleben

Transkript

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Wortprotokoll: BEM-Podcast Episode 38 – Leben und Arbeiten mit Multipler Sklerose

1. Dokumenten-Metadaten und Einführung

Im Betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) ist die Integration authentischer Patientenbiografien weit mehr als eine bloße Dokumentationspflicht; sie ist ein strategisches Instrument zur Sensibilisierung von Entscheidungsträgern. Das vorliegende Protokoll verdeutlicht am Beispiel einer hochqualifizierten Führungskraft, wie die Diskrepanz zwischen äußerer Professionalität und innerer chronischer Belastung durch gezielte Kommunikation und strukturelle Anpassungen überbrückt werden kann.

Eckdaten des Gesprächs

Teilnehmer:

Regina Richter: Moderation, Expertin für BEM und Prävention.

Ada: 53 Jahre, Diplom-Physikerin, Marketingmanagerin in einem Technologieunternehmen, Mutter von zwei Kindern, Diagnose MS im Jahr 2022.

Themenschwerpunkt: Erhalt der Arbeitsfähigkeit bei Multipler Sklerose, proaktive Kommunikation und der BEM-Prozess als Reflexionsraum.

Relevanz des Profils

Adas Hintergrund als Diplom-Physikerin prägt ihren Umgang mit der Erkrankung maßgeblich. Ihr wissenschaftlich-analytischer Zugang führt zu einem datengestützten Selbstmanagement: Sie weigert sich, passiv in eine klassische »Reha abzubiegen«, sondern nutzt ihr gewohntes Fitnesscenter als kontrolliertes Testfeld für ihre Leistungsfähigkeit. Diese Weigerung, die Kontrolle abzugeben, unterstreicht ihr Bedürfnis, die »Regisseurin ihres eigenen Lebens« zu bleiben. Für das BEM bedeutet dies: Bei hochqualifizierten Leistungsträgern muss die Unterstützung die Autonomie fördern, statt sie durch starre Fürsorge-Strukturen zu bevormunden.

Der Wendepunkt markierte den Übergang von einer Phase der Fehlinterpretation hin zu einer radikalen Neuausrichtung.

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2. Phase I: Der Wendepunkt – Diagnose und die »Bonus-Mentalität«

Eine MS-Diagnose stellt eine fundamentale psychologische Zäsur dar. Die Fähigkeit, diese Krise durch ein konstruktives Reframing zu bewältigen, entscheidet über die langfristige berufliche Teilhabe.

Wortprotokoll

Regina: Wie ist bei dir die MS diagnostiziert worden?

Ada: Das war 2022 nach einem super heftigen Schub. Ich konnte kaum noch laufen, habe im Büro die Tastatur nicht mehr getroffen, sah verschwommen und redete undeutlich. Eigentlich hatte ich jahrelang Symptome, die ich immer für Überlastung hielt. Die Müdigkeit war für mich leicht erklärbar mit der Dauerbelastung durch Job, meine zwei Kinder und die Covid-Zeit.

Regina: Welche Ängste kamen da auf?

Ada: Die waren ganz praktisch. Mein erster Gedanke war: Ich will unbedingt wieder joggen können. Wenigstens einen Kilometer, das war mein Fixpunkt. Und ich wollte eben nicht in die Reha abbiegen. Ich habe mir gesagt: Ich habe in meine ersten 50 Jahre so viel »hineingequetscht«, dass alles, was jetzt kommt, nur noch Bonus sein kann.

Regina: Wie lange hast du gebraucht, um dich auf diese Haltung einzulassen?

Ada: Die Gedanken waren sofort da. Aber bis ich das wirklich verinnerlicht und in die Praxis umgesetzt hatte – das jeden Tag so zu leben –, das hat tatsächlich drei bis vier Jahre gedauert.

Transformation: Analyse der Coping-Strategie

Adas »Bonus-Konzept« markiert den Unterschied zwischen passivem Überleben und proaktivem Gestalten. Indem sie die Zeit nach der Diagnose als Zusatzgewinn definiert, reduziert sie den psychischen Druck. Dennoch zeigt die Zeitspanne von vier Jahren zur internen Festigung, dass HR-Abteilungen bei chronischen Krankheiten in langen Zyklen denken müssen; eine punktuelle Intervention reicht oft nicht aus, um eine stabile Arbeitshaltung zu etablieren.

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3. Phase II: Die Rückkehr – Soziale Dynamiken und Kommunikation

Die Herausforderung bei »unsichtbaren« Krankheiten liegt in der Instabilität der Wahrnehmung durch das Umfeld.

Wortprotokoll

Regina: Wie hat dein Arbeitgeber auf die Rückkehr reagiert?

Ada: Super besorgt und unterstützend. Aber ich merkte, dass es für viele schwierig ist. Es ist kein gebrochenes Bein. Ich will kein Mitleid, aber Kollegen gaben mir manchmal bedauernde Rückmeldungen wie »stress dich nicht«, nur um mich zehn Minuten später wieder mit Aufgaben zu fluten, weil sie es schlicht vergessen hatten.

Regina: Was hat geholfen?

Ada: Der Schlüssel ist die einfache Frage: »Wie geht es dir heute?«. Ich habe einen Kollegen, der das regelmäßig macht. Wenn ich sage »heute nicht so gut«, übernimmt er im Kundengespräch den Hauptteil und ich bleibe im Hintergrund. Ich musste lernen, proaktiv zu sagen: »Leute, heute geht es mir nicht so gut, es ist nicht schlimm, nur ein schlechter Tag.«

Transformation: Psychologische Sicherheit im Team

Das Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach Normalität und der Notwendigkeit von Rücksichtnahme erfordert eine klare Kommunikationskultur. Adas Beispiel zeigt, dass »Best Practice« im Team nicht bedeutet, Aufgaben dauerhaft wegzunehmen, sondern eine tagesaktuelle, flexible Rollenverteilung zu ermöglichen. Dies schafft psychologische Sicherheit, da das Umfeld nicht mehr mutmaßen muss, wie belastbar die Betroffene gerade ist.

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4. Phase III: Operative Anpassungen und das Phänomen der Fatigue

Chronisch kranke Leistungsträger entwickeln oft eine radikale Effizienz, um ihre Ressourcen zu schützen.

Wortprotokoll

Ada: Mein Alltag ist eine durchgetaktete Strategie. Ich wirke fit, aber was keiner sieht, ist die Energie, die ich aufwenden muss, um überhaupt morgens aus dem Bett zu kommen. Ich mache fünfmal die Woche Sport gegen die Spastik – diese starken Muskelverspannungen.

Regina: Wie sieht die Anpassung im Job konkret aus?

Ada: Ich bin super effizient geworden, setze Prioritäten schärfer. Weltweite Reisen nach China oder in die USA traue ich mir nicht mehr zu, weil ich die Erschöpfung dort nicht kontrollieren kann. Ich reise nur noch in Europa und immer am Vorabend an, um ausgeruht zu sein. Wenn ich das nicht mache, droht ein System-Shutdown.

Regina: Du nanntest das »komatöse Erschöpfung«.

Ada: Genau. Es ist nicht das normale »Müde-Sein«, das ich als arbeitende Mutter kenne. Es ist wie ein erzwungenes System-Update beim PC. Man drückt fünfmal auf »Snooze«, aber irgendwann fährt der Rechner einfach von alleine runter und man kann nichts mehr machen. Das ist Fatigue.

Transformation: Fatigue als betriebliche Notwendigkeit

Die Fatigue-Analyse mittels des PC-Update-Metaphors verdeutlicht: Flexibilität (Homeoffice, Pausen) ist kein Privileg oder »Nice-to-have«, sondern eine betriebliche Notwendigkeit zur Erhaltung der Arbeitskraft. Im Gegensatz zu normaler Müdigkeit ist Fatigue ein autonomer Prozess des Nervensystems. Die Akzeptanz von Hilfsmitteln – wie Adas Gehstock, den sie nutzt, um sicher an den Beckenrand des Schwimmbads zu gelangen – ist dabei ein notwendiger Schritt, um trotz physischer Einschränkungen aktiv zu bleiben.

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5. Phase IV: Das BEM-Verfahren als Reflexionsinstrument

Das BEM-Verfahren fungiert als neutraler Beratungskanal, der administrative Hürden abbaut und strategische Lösungen ermöglicht.

Wortprotokoll

Ada: Mein erster Gedanke zur BEM-Einladung war: »Das brauche ich gar nicht«. Und dann dieser Berg an Papieren. Aber ohne das BEM und die Gespräche mit dir, Regina, wäre ich heute nicht so weit.

Regina: Was war der entscheidende Faktor?

Ada: Es ging nicht um einen neuen Bürostuhl. Entscheidend war, dass du sowohl die medizinische Seite der MS kennst als auch die Anforderungen in meiner Branche, dem Tech-Bereich. Du hast mir bei den Anträgen für den Schwerbehindertenausweis (GdB) geholfen, was ich erst von mir gewiesen hatte. Die Zusammenarbeit mit der Schwerbehindertenvertretung (SBV) im Haus läuft seitdem hervorragend.

Transformation: Der »So What?«-Faktor

Der Erfolg dieses BEM-Prozesses lag in der »Dualen Kompetenz« der Beraterin. Fachwissen über die spezifische Dynamik der Technologiebranche gepaart mit medizinischem Verständnis für MS schuf eine Akzeptanz auf Augenhöhe. Das BEM wurde so vom administrativen Pflichttermin zum strategischen Coaching-Instrument, das Ada half, den administrativen Druck (GdB-Anträge) zu bewältigen und sich auf ihre operative Rolle zu konzentrieren.

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6. Abschluss: Resümee und Expertenempfehlungen

Das Gespräch mit Ada verdeutlicht, dass chronische Erkrankungen und Spitzenleistungen im Beruf kein Widerspruch sind, sofern die Rahmenbedingungen stimmen. Ihr Weg zeigt die Transformation von der Verleugnung hin zur souveränen Steuerung der eigenen Situation.

Adas Empfehlungen

Literaturgrundlage: Anna Kraft (über das Leben mit MS).

Audio-Ressourcen: Podcasts von Jamie Lynn Sigler & Christina Applegate (Englisch), für einen humorvollen und ehrlichen Umgang.

Persönliches Ziel: Die Alster-Runde. Ada hat es geschafft, mit Unterstützung ihrer Tochter wieder um die Alster zu laufen – ein Beweis für die Kraft von Zielsetzung und sozialem Support.

Kritische Takeaways für Arbeitgeber

Fokus auf Ergebniseffizienz: Chronisch Kranke sind oft überdurchschnittlich effizient in der Priorisierung, da sie mit endlichen Energieressourcen haushalten müssen.

Fatigue ernst nehmen: Akzeptieren Sie den »System-Shutdown« (PC-Update-Metapher) als physische Realität. Homeoffice und flexible Reiseplanung sind hierfür die operativen Lösungen.

Die Rolle der Führung: Die Frage »Wie geht es dir heute?« ist das effektivste Instrument zur tagesaktuellen Steuerung der Team-Ressourcen.

Abschlussformel: Dieses Protokoll wurde mit höchster Sorgfalt erstellt, um die vertraulichen Inhalte des BEM-Gesprächs in eine fachliche Handlungsanleitung zu überführen. Es dient als Beleg dafür, dass Offenheit und professionelle Begleitung die Basis für eine nachhaltige Inklusion bilden. Ada bleibt die Regisseurin ihres Lebens – und eine unverzichtbare Stütze ihres Unternehmens.